Seit 15 Jahren Oldiebahn

Die Rheinbahn hatte ab 1956 die wohl modernste Straßenbahnflotte der Welt: Als die damals revolutionären Düwag-Gelenkwagen des Typs GT6 die Düsseldorfer Gleise eroberten, ahnte niemand, dass diese Straßenbahnen bis ins neue Jahrtausend durch unsere Stadt fahren würden. Doch mittlerweile ist es schon wieder 15 Jahre her, dass die letzten GT6 bei der Rheinbahn aufs Abstellgleis wanderten …

24. Januar 2003 – mein Handy klingelt mich schrill vom Sofa. Vor 15 Jahren bedeutete das noch: Notfall! Oder zumindest: Irgendwas Besonderes ist passiert. „Der Steinberg hat heute die letzten GT6 abgestellt, die fahren morgen einfach nicht mehr“, seufzte mein Cousin Sascha in den Hörer. Gespräch beendet – war schließlich teuer. Jetzt stand ich da, etwas ratlos und etwas alleingelassen von meinem Vetter, mit dem ich meine Begeisterung für Straßenbahnen damals teilte. Denn der „Steinberg“ war der letzte Betriebshof der Rheinbahn, der noch GT6 auf die Linien 704 und 706 schickte. Und überhaupt: Die Rheinbahn ohne GT6 – das war gar nicht vorstellbar, ja, eine kleine Katastrophe in meiner Hobbywelt. Denn die GT6 der Rheinbahn waren nicht irgendwelche Straßenbahnen – mit ihnen leistete die Rheinbahn Pionierarbeit. In den 1950er-Jahren war es überall in Deutschland noch völlig normal, dass kleine zweiachsige Straßenbahnen zwei Beiwagen mit Schaffnern und mechanischen Türen hinter sich herschleppten. Die Düsseldorfer Waggonfabrik wollte den Straßenbahnmarkt revolutionieren und verabschiedete sich deshalb von allen alten Baukonzepten.

6 Achsen + Gelenk = GT6
Stattdessen konstruierte sie einen sechsachsigen Waggon, der aus zwei Wagenteilen bestand. Die Wagenteile waren durch ein begehbares Gelenk miteinander verbunden, die Türen elektrisch gesteuert, das Design auffällig und doch elegant. Fertig war der Gelenktriebwagen mit sechs Achsen – der GT6!

Der erste Waggon trug die Nummer 2501 war zu seiner Zeit das „iPhone 8“ auf Schienen. Der 2501 ging durch die Presse, die Fachwelt schaute begeistert nach Düsseldorf, als Probefahrzeuge gingen die GT6 sogar auf Wanderschaft in andere Städte – und überzeugten. Dutzende Betriebe im In- und Ausland waren heiß auf die Straßenbahnen „Made in Düsseldorf“ und bestellten bei der Düwag insgesamt hunderte davon. Über Umwege gelangten die Bahnen als Exportschlager sogar bis nach Ägypten. Alleine die Rheinbahn kaufte im Laufe der Jahre rund 100 GT6. Um noch mehr Platz für ihre Fahrgäste zu schaffen, verlängerte sie viele GT6 um ein Mittelteil und kaufte diese als GT8 bezeichneten Wagen dann auch direkt bei der Düwag. Die GT8 hielten noch fast zehn Jahre länger auf den Linien 701, 707 und 712 durch und kamen erst im Frühjahr 2012 endgültig aufs Abstellgleis. Tausende Rheinbahn-Fahrgäste erinnern sich deshalb noch an die surrenden Neonröhren, die grünen Kunstledersitze und die ratternde Kurbel, mit der unsere Fahrer beschleunigen und bremsen konnten.

Silberpfeile lösen GT6 ab
Doch an jenem 24. Januar 2003 hatten sich die Fahrkurbeln in den alten GT6 bereits zum letzten Mal gedreht. Unsere neuen und barrierefreien Silberpfeile waren längst das Maß der Dinge und hatten die GT6 zum Schluss so weit verdrängt, dass nur noch eine Handvoll in Düsseldorf unterwegs war. Wie jeden Abend verschwanden die letzten GT6 hinter den mächtigen Toren des Betriebshofs „Am Steinberg“. Aber am nächsten Morgen, dem 25. Januar, fuhren sie nach fast 50 Jahren einfach nicht mehr raus. Ausgerechnet am 25.01. war die Ära dieser legendären Baureihe endgültig beendet, wo doch mit Wagen 2501 alles angefangen hatte. Er selbst hat nicht bis zum letzten Einsatztag durchgehalten, fuhr aber bis 2002 durch Düsseldorf, zum Schluss mit „Tilla“-Reklame, einem Anbieter für Obst und Gemüse. Von oben bis unten mit Tomaten, Erdbeeren und Orangen beklebt war der Ur-GT6 so noch mal ein richtiger Hingucker. Mein Cousin Sascha und ich nannten den 2501 bis zum Schluss deshalb einfach nur „Tilla“. Achja, Sascha … heutzutage bimmelt das Handy nicht mehr nur im Notfall, sondern alle paar Minuten. Genau 15 Jahre später, am 25. Januar 2018, ist auch eine Nachricht von Sascha dabei: „Happy Tilla Day“.

Übrigens: Den GT6 2501 haben wir als wichtiges Zeugnis der deutschen Straßenbahngeschichte natürlich aufbewahrt! Im ursprünglichen Outfit können Sie diese und viele andere Oldiebahnen für Ihre Feiern oder Veranstaltungen mieten.

2018-01-31T13:36:33+00:0031. Januar 2018|Gute Fahrt, Historie|0 Kommentare

Über den Autor:

Christian Lücker
Christian Lücker ist Journalist, hat für verschiedene Radiosender und Magazine gearbeitet und ist jetzt im Marketing der Rheinbahn. Denn alles rund um die Schiene begeistert ihn seit 20 Jahren – deshalb hat er über den Verein „Linie D“ auch einen „Straßenbahn-Führerschein“ bei der Rheinbahn gemacht und fährt unsere Bahnen leidenschaftlich vom Oldie bis zum Silberpfeil. Privat reist er gerne in die letzten Zipfel Polens und Russlands oder schnappt sich seine Kamera, um den Charme verlassener Orte einzufangen.

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