Gestern noch Kameramann, heute Stadtbahnfahrer bei der Rheinbahn

Ob David Hasselhoff, Helene Fischer, Roberto Blanco oder Paris Hilton – Christoph Schulz hat mit den bekanntesten Promis gedreht. Für WDR, ZDF, die RTL- und die Pro-Sieben-Gruppe, für Sendungen, die jeder kennt: Exclusiv, Explosiv, Extra, Prominent, Vox Tours, Punkt 12, Deutschland sucht den Superstar, n-tv Wissen, red, taff, Galileo, Frühstücksfernsehen. In Europa, den USA, Südamerika, Russland, Afrika, Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Werbedrehs für Martini, DFB U21, Pirelli, E-Plus, Deichmann oder Kia. Kinofilme wie „Der Clown“, Action-Serien wie „Die Motorrad-Cops“ oder „Alarm für Cobra 11“. Die Liste lässt sich fast endlos fortsetzen, der Lebenslauf zeigt eine rundum beeindruckende, einmalige Karriere. Die hat Christoph Schulz – freiwillig und bewusst – für den Job eines Bahnfahrers sausen lassen. Wie kam es dazu?

Dreh mit David Hasselhoff
Dreh mit Roberto Blanco

Christoph Schulz kann es selbst kaum glauben, dass er nach 30 Jahren als erfolgreicher Kameramann das Dreh-Equipment gegen den Befehlsgeber getauscht hat. Schon mit 16 wusste der heute 51-Jährige, dass er Kameramann werden will, hatte immer schon eine Affinität zum Filmen und Fotografieren. So startete er in Köln eine Ausbildung als Produktionsassistent und lernte den Beruf von der Pike auf: „Viele machen das, weil sie zum Fernsehen wollen. Ich wollte das Handwerk lernen, die Praxis. Ein Studium wäre nichts für mich gewesen. Handmade, das liegt mir“, berichtet Schulz.

Er hat sich von Tag zu Tag weiterentwickelt, wollte in alle Sparten rein, viele Sender, unterschiedliche Techniken und diverse Teams kennenlernen. Die ersten sieben Jahre war er fest angestellt, 23 Jahre arbeitete er freiberuflich und selbstständig. Kino-, Reise- und Werbefilme, Magazinbeiträge, Dokumentationen, Reportagen – für alle Genres war er gefragter Vollprofil. „Ich habe mich überall durchgeboxt, bis ich ganz oben angekommen bin. Bei RTL war ich im Ranking unter den ersten zehn Kameraleuten, die angerufen wurden. Ich war 24/7 immer abrufbereit. Alle wussten: Auf den Schulz kannst Du Dich verlassen.“

Als Vollprofi überall auf der Welt rund um die Uhr unterwegs

Dreh mit Michael Wendler Mallorca

Bei allem Erfolg und Spaß bedeutete der Job aber auch fast unmenschlichen Stress: „Ich hatte meinen Koffer und mein Equipment immer gepackt und griffbereit. Ich konnte innerhalb von zwei Stunden am Flughafen sein, egal, wo auf der Welt ich mich befand. Das hieß zum Beispiel, um 17 Uhr zu Hause in Düsseldorf ankommen, um 20 Uhr im Flieger in Richtung Malediven sitzen. Urlaub, Freunde, Familie – das waren alles Fremdworte für mich“, erzählt er. Die letzten Jahre war er häufig auf Mallorca im Einsatz, machte „Arenal-Storys“: „Die dauernde Lautstärke und das Arbeiten rund um die Uhr führten dazu, dass ich mich nicht mehr ausruhen konnte. Ich konnte nicht mehr schlafen, hatte das Gefühl, etwas ändern zu müssen.“

Ganz oben angekommen

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, ganz oben angekommen, war der 50. Geburtstag ein Anlass zum Umdenken: „Ich war auf einer Kreuzfahrt, hatte mir eine Auszeit von drei Wochen gegönnt, nachdem ich – auch finanziell – mein bestes Jahr hatte. Auf dem Schiff stellte ich mir die Frage: ,Was ist, wenn ich morgen umfalle?‘ Ich wollte es nicht auf die Spitze treiben, krank werden und am Ende meinen 55. Geburtstag nicht mehr erleben.“ Denn die Kehrseite seines Berufs waren auch die fehlenden Bindungen: „Ich habe keine Kinder, keine festen Freunde, bin nicht verheiratet. Das habe ich früher auch nicht vermisst, da ich ja ständig neue Leute kennengelernt habe. Aber diese Welt der Stars und Sternchen, des roten Teppichs, des Luxus und der Oberflächlichkeit war nie meins.“

Neuanfang bei der Rheinbahn

Obwohl Christoph Schulz es in dieser Welt mit seinem Talent und seinem Können ganz nach oben geschafft hatte, wünschte er sich einen Neuanfang. Aber das ging nicht von heute auf morgen, sondern war ein Prozess über zwei Jahre. „Mein Lebensmittelpunkt war immer in Düsseldorf, obwohl ich überall auf der Welt unterwegs war. Ich wollte hier ankommen, nicht mehr umziehen, nicht mehr aus dem Koffer leben – aber auch nicht in einem Büro arbeiten. Ich bin in Golzheim aufgewachsen, bin als Kind schon immer gerne Bahn gefahren, zur Schule, zum Fußball, zu jedem Spiel.“

Artfremder Beruf

Der Tipp, bei der Rheinbahn anzufangen, kam letztlich von seinem Vater, der im Finanzministerium für die ÖPNV-Gelder zuständig ist: „Er sagte mir: ‚Jung, geh zur Rheinbahn‘, und ich dachte. Das ist es! Ich wollte etwas, was sicher und nachhaltig ist.“ Christoph Schulz, der jetzt in Pempelfort wohnt, verkaufte sein Auto und bewarb sich bei uns. Doch zunächst kam eine Absage – mit der Begründung „artfremder Beruf“. Doch der 51-Jährige gab nicht auf: „Ich rief an und erklärte meine Situation. Dass Schichtdienste für mich kein Problem sind, da ich ein ganz anderes Kaliber gewohnt bin. Da habe ich wohl überzeugt und durfte mich vorstellen. Danach bekam ich die Zusage, konnte im Oktober 2020 anfangen.“ Schulz kam als Stadtbahnfahrer nach Heerdt, machte alle Ausbildungen und fährt jetzt seit einigen Monaten durch seine Heimatstadt.

Noch keinen Tag bereut

Christoph Schulz ist jetzt seit über einem Jahr bei uns und hat noch keinen Tag bereut: „Ich bin hier sehr glücklich. Die Arbeit macht mir großen Spaß, aber ich habe auch Respekt davor.“ Natürlich hat Christoph Schulz das Filmen nicht ganz aufgegeben, hat noch eine Produktionsfirma und macht Werbung und Imagefilme – aber eben nur so viel, wie er neben seinem Job als Bahnfahrer schafft.

Karriere-Highlights

Was waren denn im Rückblick die absoluten Highlights seiner Karriere? „Zum einen waren das faszinierende Länder, zum anderen aber auch die Erlebnisse als Actionkameramann. Für eine ZDF-Reisedoku war ich in Venezuela. Das Land, die Vegetation, die Wasserfälle und die Natur sind einmalig schön. Oder Kirgisistan bei einem Dreh für ,Abenteuer Leben‘. Mit alten Militärfahrzeugen sind wir zu den Bauern in ihren Jurten gefahren, blieben stecken und mussten zwei Tage warten, hoffen, dass ein Auto vorbeikommt. Das sind einschneidende Erfahrungen, Abenteuer, die man in anderen Berufen nicht erlebt. Oft saß ich mit den Hauptdarstellern von Action-Serien auf der Heli-Kufe oder war auf die Motorhaube geschnallt. Das ist natürlich pures Adrenalin.“ Aber Christoph Schulz bereut es nicht, diesem aufregenden Leben den Rücken gekehrt zu haben – im Gegenteil: „Ich habe hier Glück und Ruhe gefunden und würde mich immer wieder für die Rheinbahn entscheiden.“