125 Jahre Rheinbahn: Der Zweite Weltkrieg in Düsseldorf

Die Rheinbahn feiert 2021 Jubiläum: Seit 125 Jahren ist sie ein wichtiger Motor für Düsseldorf und die Region und prägt deren Geschichte entscheidend mit. Grund genug, um im Laufe des Jahres immer wieder einen Blick auf unsere Historie zu werfen. Alle Beiträge dazu findet Ihr hier.
Im letzten Beitrag ging es um die Rheinbahn in der NS-Zeit.

Mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen beginnt am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. 3.350 Mitarbeiter arbeiten zu der Zeit bei der Rheinbahn, 405 Beschäftigte werden sofort zu Kriegsbeginn eingezogen. 500.000 Fahrgäste muss die Rheinische Bahngesellschaft trotz der großen Personalknappheit täglich befördern.

Sie stellt erneut Frauen ein. Zuerst arbeiten diese vor allem als Schaffnerinnen, schnell wird ihre Arbeitskraft aber auch in den Werkstätten in bis dahin nur Männern vorbehaltenen Berufen benötigt. Wieder sind die Frauen allein für die Existenzsicherung der Familien verantwortlich.

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Die 1937 begonnene Inbetriebnahme der „Niederflurwagen“ wird fortgesetzt. Bis 1943 liefert die Düwag 60 Triebwagen und 40 Beiwagen. Diese als „Deutscher Einheitsstraßenbahnwagen“ konzipierten Fahrzeuge sollen von der deutschen Waggonbauindustrie in großen Stückzahlen günstig produziert werden. Dazu wird es aber nicht mehr kommen.

Durch die anfänglichen Kriegserfolge an der West- und Ostfront sehen sich die Nationalsozialisten in ihrer Politik bestätigt. Jegliche Kritik an ihrer Linie wird als Unruhe und Widerstand aufgefasst und geahndet. Auch bei der Rheinbahn stellt die Führung unmissverständlich klar: „Sollte in irgendeiner Form […] passive Resistenz geübt werden […], so werde ich dieses […] der Geheimen Staatspolizei melden. […] Die Betreffenden haben dann Gelegenheit, im Konzentrationslager über ihre Pflichtvergessenheit nachzudenken.“

Erst Luftangriffe
Ein erster britischer Luftangriff am 14. Mai 1940 auf die Industriebetriebe in Flingern und Oberbilk bringt die Kriegsereignisse näher. Erste Todesopfer sind zu beklagen. Auch Infrastruktur und Fahrzeuge sind von den häufiger werdenden Bombenangriffen betroffen, so dass der Verkehr immer wieder zeitweise eingeschränkt werden muss. Um die Stadt möglichst vor den nächtlichen Bombenangriffen zu schützen, verdunkelt die Rheinbahn Straßenbahnen und Busse.

Der Triebwagen 958 ist am 9. Dezember 1940 der erste im Zweiten Weltkrieg zerstörte Straßenbahnwagen. Eine Fliegerbombe traf ihn auf der Fahrt nach Neuss in der Fährstraße.

Ab 1941 werden Juden aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf in die Ghettos nach Litzmannstadt (Łódź), Minsk und Riga verschleppt. Zentraler Sammlungspunkt war der Städtische Schlacht- und Viehhof in der Rather Straße.

Die wahre Situation an den Kriegsfronten lässt sich nicht mehr verbergen. Auch die Werkszeitschrift „Das Rad“ veröffentlicht erste Gefallenenmeldungen. Neun auf „dem Felde der Ehren für Führer, Volk und Vaterland gefallene“ Rheinbahner werden im ersten Heft 1943 genannt. Die Liste wird von Ausgabe zu Ausgabe länger.

Düsseldorf ist ab 1942 Ziel systematischer Bombenangriffe, da es ein bedeutender Standort der deutschen Rüstungsindustrie und wichtiger Eisenbahnknotenpunkt ist. Beim ersten Großangriff am 1. August 1942 werfen die Alliierten rund 14.000 Brandbomben ab. Mit 279 Toten und rund 1.000 Verletzten ist der Zweite Weltkrieg unübersehbar mit seiner ganzen Härte in der Stadt angekommen.

Lebenswichtig für die Bevölkerung ist das richtige Verhalten bei einem Fliegeralarm. Straßenbahnfahrer haben strikte Regeln zu befolgen: „Bei Fliegeralarm sind Straßenbahnzüge, soweit sie sich in der Nähe von öffentlichen Luftschutzräumen befinden sofort stillzusetzen. Ist ein öffentlicher Luftschutzraum nicht in der Nähe, sollen die Züge mit Fahrgästen möglichst bis zum nächsten Luftschutzraum weiterfahren […] Querstraßen dürfen nicht versperrt werden; Brücken und Überwege sind freizuhalten.“

Durch die Detonation einer Fliegerbombe wurden Gleise an der Kreuzung Luisenstraße/Hüttenstraße herausgerissen.

Immer größer werden die Schäden der Angriffe. Am 12. Juni 1943 wirft ein britischer Verband 1.300 Sprengbomben ab, die zunächst die Dächer der Gebäude aufreißen. Die nachfolgenden 225.000 Elektron-Thermit Stabbrandbomben setzen sie anschließend in Brand. 600 Tote und 3.000 Verletzte fordert der bisher größte Angriff. 27 Straßenbahnen, Gleisanlagen und Oberleitungen werden großflächig zerstört.

Die Düsseldorfer Nachrichten titeln am 26. November 1943: „Die Rheinbahn im Daseinskampf“. Rund 200 Millionen Fahrgäste im Jahr muss sie trotz der Kriegsverhältnisse befördern, damit insbesondere die kriegswichtigen Industriebetriebe weiter produzieren können. Immer größere Anstrengungen sind von den Rheinbahnern erforderlich, um den Betrieb noch notdürftig aufrecht zu halten. Verkehrseinschränkungen und Einstellungen ganzer Linien nehmen aufgrund der Zerstörungen und dem Mangel an Arbeitskräften und Material zu.

Beschäftigung von Zwangsarbeitern
Durch den Einzug von Beschäftigten zur Wehrmacht wird der Arbeitskräftemangel immer größer. Die Rheinische Bahngesellschaft stellt daher, wie auch andere Düsseldorfer Industriebetriebe, ab 1940 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ein. Bis Kriegsende 1945 werden insgesamt 603 ausländische Arbeitskräfte im Fahrdienst, in den Werkstätten und als Hilfsarbeiterinnen und Hilfsarbeiter tätig sein. Während die „Westarbeiter“ weitgehend in privaten Unterkünften wohnen, werden die „Ostarbeiter“ wie Gefangene in Lagern untergebracht. Auf dem Gelände der Rheinischen Bahngesellschaft sind drei Lager: im Betriebshof Derendorf (zusammen mit dem Vereinigtem Kohlehandel) in der Münsterstraße 274, am Handweiser (Gemeinschaftslager mit anderen Firmen) und im Betriebshof Heerdt (mit dem städtischen Arbeitsamt) in der Kevelaerer Straße 1.

Im Jahr 2000 tritt die Rheinbahn der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zur Entschädigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern bei. Unter Federführung des Stadtarchivs engagiert sich die Stadt, das Schicksal der betroffenen ausländischen Arbeitskräfte aufzuklären, die in den Düsseldorfer Betrieben beschäftigt waren.

Die Wagenhalle des Betriebshofs Derendorf ist vollkommen zerstört. Der Betriebshof liegt direkt neben den umfangreichen Güter- und Rangieranlagen der Reichsbahn. Außerdem befindet sich eine Flak-Stellung auf dem Gelände.
Auch die Hauptwerkstatt an der Erkrather Straße ist zerstört. Das noch aus der Pferdebahnzeit stammende Gelände liegt in unmittelbarer Nähe zu den Eisenbahnanlagen des Hauptbahnhofs.

Besetzung Düsseldorfs
Amerikanische Truppen nehmen am 1. März 1945 Neuss ein. Einen Tag später wird das linksrheinische Stadtgebiet Düsseldorfs besetzt und die Stadt belagert. Am 3. März sprengt die deutsche Wehrmacht alle drei Düsseldorfer Rheinbrücken, um den alliierten Truppen die Überquerung des Rheins zu erschweren: die Skagerrak-Brücke (Oberkasseler Brücke), die Südbrücke und die Hammer Eisenbahnbrücke. Die Stadt ist nun geteilt. Das Netz der Rheinischen Bahngesellschaft zerfällt in zwei Teile.

Mit den intensiven Kampfhandlungen wird der Straßenbahnverkehr Zug um Zug eingeschränkt. Die letzten Busse und Bahnen fahren am 8. März. Gegen 9 Uhr fährt der letzte Wagen, der zwischen Eller und dem Betriebshof Erkrather Straße pendelte, ins Depot.

Aussichtsloser Widerstand des fanatischen Gauleiters Friedrich Karl Florian, der regionale Verantwortliche der NSDAP, und der deutschen Truppen verhindern die schnelle Einnahme Düsseldorfs. Mutige Düsseldorfer bereiten daher Pläne zur geordneten Übergabe der Stadt vor, um eine weitere Zerstörung der Stadt zu verhindern und das Leiden der noch in der Stadt lebenden Bevölkerung zu beenden. Von ihnen werden Franz Jürgens, Kommandant der Schutzpolizei, Bauunternehmer Theodor Andresen, Malermeister Karl Kleppe, Kaufmann Josef Knab und der Student Hermann Weill gefasst, von einem Standgericht, das ein Terrorurteilt fällt, verurteilt und – einen Tag vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen – am 16. April 1945 in der Allgemeinen Berufsschule in der Färberstraße 34 hingerichtet. Rechtsanwalt Karl August Wiedenhofen und der Architekt Alois Odenthal können die amerikanischen Truppen bei Langenfeld erreichen und für die gewaltfreie Einnahme der Stadt sorgen.

Mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen enden in Düsseldorf die Kriegshandlungen am 17. April 1945. Das Deutsche Reich kapituliert drei Wochen später am 8. Mai 1945. Düsseldorf gehört nach den Beschlüssen der Alliierten zur britischen Besatzungszone. Britische Truppen marschieren am 12. Juni 1945 ein.

Zu Kriegsbeginn 1938 lebten in Düsseldorf rund 540.000 Einwohner, bei Kriegsende sind es in den Ruinen nur noch 235.000. Viele Bewohner werden evakuiert oder versuchen in weniger gefährdeten Gebieten Schutz zu finden. Im Kernbereich der Stadt sind über 90 Prozent aller Wohn- und Geschäftshäuser zerstört oder beschädigt. 10.000.000 Kubikmeter Trümmerschutt werden zu entfernen sein. Rund 6.000 Zivilisten sind in Düsseldorf durch die Fliegerangriffe und das Bombardement ums Leben gekommen.

Nach dem Ende der 12-jährigen Herrschaft der Nationalsozialisten wird es die Aufgabe der Düsseldorfer die Trümmer des „Tausendjährigen Reiches“ zu beseitigen und einen neuen Anfang zu organisieren.

Informationen zum Autor:

Hans Männel arbeitet in der Unternehmenskommunikation der Rheinbahn. Sein besonderes Interesse gilt der Geschichte des Nahverkehrs in der Region. Er ist Vorsitzender der „Linie D – Arbeitsgemeinschaft historischer Nahverkehr Düsseldorf“. Die Mitglieder des Vereins haben das Ziel die Düsseldorfer Verkehrsgeschichte – in enger Zusammenarbeit mit der Rheinbahn – „erfahrbar“ zu erhalten.