Die Rheinbahn fährt auch in Rumänien

Zugegeben: Wir haben natürlich keine Zweigstelle in Rumänien. Aber immerhin hat es vier unserer ausgemusterten „gelben“ Bahnen dorthin verschlagen. Früher haben sie Sie von Eller nach Unterrath oder von Neuss nach Grafenberg gebracht – heute sind sie in Timisoara zuhause!

Doch wie kommen Düsseldorfer Straßenbahnen eigentlich zu einer Zweitkarriere in Rumänien? Zu verdanken haben sie das dem Ende des Ostblocks, denn die Verkehrsbetriebe in Ungarn, Polen oder Rumänien mussten bis dahin oft noch mit vollkommen verschlissenen Straßenbahnen durch die Gegend fahren. Die machten immer mehr Probleme und fielen regelrecht auseinander. Ein Deutscher kam deshalb in den 1990er Jahren auf die Idee, ausgemusterte Straßenbahnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz als „Aufbauhilfe“ mithilfe von Förderprogrammen in den Osten abzugeben. Daraus hat sich ein richtiger Export-Boom entwickelt, der bis heute anhält. Denn die alten Straßenbahnen aus Westeuropa sind zwar nicht barrierefrei und entsprechen damit nicht mehr den heutigen Standards, aber technisch sind sie meist noch einwandfrei und zu schade für die Schrottpresse. Im Laufe der Zeit sind auch rund 100 alte Straßenbahnen der Rheinbahn „ausgewandert“, überwiegend nach Posen, Krakau und Stettin in Polen, vier „Gelbe“ aber eben auch nach Timisoara. Die Stadt liegt ganz im Westen Rumäniens, nicht weit von der Grenze zu Serbien und Ungarn und hat etwa halb so viele Einwohner wie Düsseldorf.

Auf den acht Straßenbahnlinien kurbeln die Fahrer meistens alte Bahnen aus Bremen und München über die Gleise. Um einen Dienst auf einer der vier Düsseldorfer Straßenbahnen zu erwischen, brauchten sie also schon immer eine Portion Glück. Wenn es doch mal klappt, dann sind die Fahrer aber schon ein bisschen stolz, denn Düsseldorf hat auch bei den Rumänen einen guten und exklusiven Ruf.

Auch in Rumänien stehen die Rheinbahn-Wagen vor der Rente
Mittlerweile ist die Fahrt mit einem Rheinbahn-Wagen in Timisoara fast schon so selten wie ein Sechser im Lotto. Die erste unserer Bahnen ist vor zehn Jahren nach einem Unfall auf den Schrott gewandert, die Zweite liefert als „Organspender“ wichtige Ersatzteile und was aus der dritten Bahn wird, weiß beim Verkehrsbetrieb noch niemand so richtig.

Aber die vierte Düsseldorfer Bahn mit der Nummer 2502, die hegt und pflegt die Straßenbahn-Werkstatt in Timisoara bis heute. Gelb wie früher ist sie schon lange nicht mehr, sie trägt jetzt ein frisches Outfit in weiß, lila und schwarz. Kritzeleien oder Graffiti streichen die Mitarbeiter im Depot einfach mit der Farbrolle über. Hauptsache, das alte Schätzchen sieht gut aus! Und so dreht die Düsseldorfer 2502 auch im Jahr 2017 noch fleißig ihre Runden in Rumänien – mit unglaublichen 61 Jahren auf dem Buckel!

Nach so vielen Einsatzjahren wirkt die Bahn bei aller Pflege aber selbst hier wie ein Oldie aus längst vergangenen Zeiten. Denn auch in Rumänien ist die Zeit nicht stehen geblieben. In den ländlichen Regionen leben die Menschen zwar auch heute noch unter einfachen Bedingungen, ziehen das Trinkwasser aus dem Brunnen und fahren mit dem Pferdefuhrwerk die Ernte ein.

In den Städten ist es dagegen längst normal, dass Geschäftsleute mit dem Laptop auf dem Schoß in der Bahn sitzen oder Fahrgäste pausenlos auf dem neuesten Smartphone rumtippen. Nach und nach stecken die rumänischen Verkehrsbetriebe auch immer mehr Geld in die Straßenbahnen, damit sie ihren Fahrgästen zeitgemäßen Komfort bieten können. Immer mehr Bahnen werden von Grund auf saniert und neu gestaltet. Die ersten Betriebe haben sich auch schon moderne Niederflurbahnen gekauft, damit sie ihren Fahrgästen barrierefreies Reisen anbieten können – genau wie wir bei der Rheinbahn mit unseren Silberpfeilen. Und so wird es wohl auch den Düsseldorfer Straßenbahnen in Timisoara über kurz oder lang endgültig an den Kragen gehen. Aber: Den „Bruder“ von Wagen 2502 haben wir als weltweit ersten Gelenkwagen dieser Bauart in Düsseldorf behalten. Diese Oldiebahn können Sie für Ihre nächste Party mieten!

2017-10-04T14:57:58+00:00 4. Oktober 2017|Gute Fahrt, Hinter den Kulissen|3 Kommentare

Über den Autor:

Christian Lücker

Christian Lücker ist Journalist, hat für verschiedene Radiosender und Magazine gearbeitet und ist jetzt im Marketing der Rheinbahn. Denn alles rund um die Schiene begeistert ihn seit 20 Jahren – deshalb hat er über den Verein „Linie D“ auch einen „Straßenbahn-Führerschein“ bei der Rheinbahn gemacht und fährt unsere Bahnen leidenschaftlich vom Oldie bis zum Silberpfeil. Privat reist er gerne in die letzten Zipfel Polens und Russlands oder schnappt sich seine Kamera, um den Charme verlassener Orte einzufangen.

3 Kommentare

  1. Michael 6. November 2017 um 18:15 Uhr - Antworten

    Ich fand die wie ich immer sagte „Persilbahnen“ (weil meistens Persilreklame drauf) später schon was besonderes als die letzten noch in Düsseldorf fuhren. Hatten auch den Vorteil, dass man da mehr für Durchzug sorgen konnte als bei den Mini-Fenstern in den Silberpfeilen.
    Was es jetzt nicht mehr gibt, ist den Anhänger. Da fuhr man drin, ohne ein Motorengeräusch zu hören. Und mit den ganzen Glühbirnen fühlte ich mich etwas wie in einer Zeitreise in frühere Zeiten. Auch wenn das wohl ne enorme Stromverschwendung war und die Neonröhren aus dem Motorwagen vermutlich energiesparender.

  2. Der kritische Fahrgast 11. November 2017 um 21:52 Uhr - Antworten

    Die Rheinbahn fährt nicht in Rumänien. Sie verkauft ihre Bahnen dorthin, weil die sachgerechte Entsorgung
    wesentlich mehr kostet.

    • Christian Lücker
      Christian Lücker 13. November 2017 um 12:48 Uhr - Antworten

      Hallo, dem kritischen Fahrgast wird nicht entgangen sein, dass wir schon im ersten Satz schreiben: „Wir haben natürlich keine Zweigstelle in Rumänien.“ 😉 Viele Grüße, Christian Lücker

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